Kein Fisch mit Reis – Plädoyer fürs Stillen

Anlässlich der Weltstillwoche 2018 veröffentliche ich hier einen ganz persönlichen Text. Ich möchte vorab ganz ausdrücklich versichern, dass mir das Recht auf Selbstbestimmung einer Frau in jedem Fall wichtiger ist als das Stillen an sich. Es gibt viele Gründe, warum eine Frau vielleicht nicht stillen möchte. Oder nicht besonders lange. Stillen basiert auf einer Beziehung zwischen Mutter und Kind. Wie in jeder Beziehung sind alle Bedürfnisse der Beteiligten zu achten. Wenn eine Mutter nicht stillen möchte, ist das unbedingt zu respektieren. Ich selber habe das Stillen als einfach, schön und praktisch erlebt. Und deshalb kommt hier mein Plädoyer fürs Stillen: 

„Pre-Nahrung, das ist ein bisschen wie Fisch mit Reis. Ein Gericht, immer dasselbe, zu jeder Mahlzeit. Fisch mit Reis, das ist nicht ungesund, dick wird man auch nicht davon, aber es ist halt trotzdem Fisch mit Reis zu jeder Mahlzeit.“

Ich mag den Vergleich. Eine tolle Hebamme in meinem Umfeld hat ihn in ihrem Geburtsvorbereitungskurs gebracht. Ich finde es schön, dass sich inzwischen so viele Frauen bewusst fürs Stillen entscheiden. Um ihr Kind natürlich zu ernähren. Und zum Glück hat Stillen ja noch so viele, viele andere Vorteile und wirkt bei so vielen von Babys Bedürfnissen Wunder…

Stillen als adäquate Form der Ernährung von Neugeborenen – das scheint in unserer Gesellschaft also angekommen zu sein. Doch es erstaunt mich immer wieder, wie wenig Akzeptanz all die anderen so praktischen Funktionen des Stillens erfahren. Für die Stillende und ihr Kind ist es nämlich erstmal egal, warum das Baby stillen möchte. Es möchte stillen und wird gestillt. Ein Bedürfnis wird gestillt. Ob das nun das Bedürfnis nach Nähe, Hilfe beim Verarbeiten von vielen Reizen oder beim Einschlafen, Bauchschmerzen, Unwohlsein oder das Ankurbeln der Milchproduktion für den nächsten Schub ist, spielt dabei keine Rolle. Ein Beispiel.

GUTGEMEINTE RATSCHLÄGE & VERALTETES WISSEN

Eine Frau, die ich im August bei der Geburt begleitet habe, hat ein Kind geboren, das die ersten Stunden seines jungen Lebens nur am Busen zufrieden schien. Kaum von der Brustwarze gelöst, wurde das Neugeborene – noch keine 48 Stunden alt – unruhig. Es suchte seine Mama. Es suchte weiter und weiter und zappelte und ruderte mit den Armen. Schließlich begann es zu weinen. Bis es seiner Mama wieder ganz nah sein konnte. An der Brust natürlich. Dann war sofort Ruhe. Als eine Pflegefachkraft des Krankenhauses dies mitbekam, schritt sie forsch ins Zimmer der beiden, dockte das Kind ab und legte es in das Beistellbett, das bislang nur als Ablage fungierte. Sie erklärte der Mutter, dass das so nicht gehe. Das Baby müsse mal zur Ruhe kommen. Und der Körper der Frau solle auch zur Ruhe kommen. Das Baby sei ein „Schlawiner“ und wisse schon ganz genau, wie es seinen Willen durchsetzen könne. Es würde „ja nur nuckeln“. „So geht das nicht.“ Während sie so redete, wurde das Kind (Überraschung!) unruhig. Es begann zu suchen. Es wollte zurück zu seiner Mama. Die fremde Frau unternahm einige vergebliche Beruhigungsversuche. Das Baby war ganz offensichtlich nicht einverstanden. Nach einiger Zeit war sich die Pflegefachkraft sicher: Mit dem Kind kann etwas nicht stimmen. Es sei ja total unentspannt. Ein Kinderarzt müsse prüfen, ob mit dem Kind überhaupt alles in Ordnung sei. Und weg war die Frau mit ihren längst veralteten Ansichten und den gutgemeinten Ratschlägen…

VERSTECKTE KRITIK

Eine andere Frau legt ihr Baby zum dritten Mal während eines Nachmittagskaffees an. „Ah, machst Du dem Kind schon wieder den Schnuller-Ersatz…“ Zum Glück wissen zwar mittlerweile viele Menschen, dass Stillen nicht nur der Ernährung eines Babys dient. Aber wer so etwas sagt, hat ganz offensichtlich keine natürliche Einstellung zu den normalen Bedürfnissen von Säuglingen und auch Kleinkindern. Vor der ganzen Verwandtschaft richtig zu stellen, dass der Schnuller ja wohl eher der eigentliche Ersatz für die mütterliche Brust ist, dazu fehlte der Frau ganz einfach die Kraft. Zurück blieb bei ihr eine gewisse Scham und das Gefühl, vielleicht doch etwas falsch zu machen…

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Dabei kann man mit dem Stillen gar nichts falsch machen. Stillen ist ein wahres Wundermittel – immer verfügbar und kostenlos. Stillen ist nicht nur Bindung, Beruhigung & Nähe und Stillen vermittelt nicht nur Sicherheit & Trost. Stillen wirkt auch als natürliches Schmerzmittel und hilft gegen das „Heimweh nach der Gebärmutter“. Außerdem ist Muttermilch reich an Antikörpern und hilft dem Baby so beim Aufbau einer guten Immunabwehr. Sogar die Darmfora wird initial durchs Stillen unterstützt. Und dann fördert Stillen auch noch die schnelle Rückbildung des weiblichen Körpers und das Brustkrebs- sowie SIDS-Risiko. Was will man mehr…

Während ich das alles schreibe, denke ich jedoch auch traurig und voller Mitgefühl an die vielen Frauen, denen der Stillstart (unnötig) schwer gemacht wird. An Frauen, die gerne gestillt hätten, es jedoch warum auch immer nicht konnten. Frauen, die um die Stillbeziehung, die sie nicht hatten, noch Jahre trauern… Interessant zu wissen ist in diesem Zusammenhang auch, dass lediglich 2 bis 3 Prozent aller Frauen physiologisch tatsächlich „zu wenig Milch haben“. Viel häufiger führen nicht fachgerechte Empfehlungen, die auf veraltetem Wissen basieren, und psychischer Stress, der damit einhergeht, zu massiven Stillproblemen und einer Abstillspirale durch unnötiges Zufüttern.

Deshalb ist es mir so wichtig, dass jede Frau weiß, dass es gut ausgebildete Stillberaterinnen in nahezu jeder Stadt gibt. Google wird Dir helfen, eine Expertin in Deiner Nähe zu finden. Außerdem kannst Du auch bei der La Leche Liga, bei der AFS oder beim BDL Hilfe finden. Sogar eine kostenlose Hotline und eine Email-Beratung gibt es. Dazu kommen die vielen Stillgruppen und Stillcafés. Und das Forum Stillen und Tragen kann ich Dir auch noch ans Herz legen. Und scheu Dich bitte nicht, Ratschläge zu hinterfragen – selbst wenn sie von medizinischem Fachpersonal kommen… Eine Stillberaterin durchläuft eine ausführliche Ausbildung und beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema. Sie ist Deine kompetente Ansprechpartnerin bei allen größeren Problemen rund ums Stillen, bei dem Deine Hebamme möglicherweise an ihre Grenze kommt. Vor dem unerwünschten Abstillen beispielsweise sollte immer der Rat einer Stillberaterin eingeholt werden…

2017-01-22 14.45.59

 

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